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Leseprobe

Kapitel 1

Mpila Camp im Umfolozi Park, Südafrika, Oktober 2003

Mit Wucht knallte ihr Kopf gegen die Türkante des Mietwagens. Fluchend rieb sie sich den schmerzenden Hinterkopf und richtete sich auf. Welcher Idiot meinte, hier hupen zu müssen? Sie schob ihre Sonnenbrille wieder auf der Nase zurecht und warf einen Blick auf den Übeltäter, der gerade mit seinem Jeep in die freie Parklücke neben ihr geschossen war. Ihre Augen weiteten sich, als sich ein großer, braun gebrannter Mann aus dem Wagen schwang und sie mit einem strahlenden Lächeln bedachte, das gerade weiße Zähne enthüllte. Mit diesen makellosen Zahnreihen konnte er ohne weiteres den Zahnarztfrauen in der Werbung Konkurrenz machen. Damit würde er bei ihr nicht landen können; schließlich kam sie durch ihre Arbeit mit wesentlich besser aussehenden Männern in Kontakt. Er musste sich schon etwas anderes einfallen lassen, um Eindruck zu schinden.

Nachdem sie den ersten Schock verdaut hatte, beschloss Laurel, ihn zu ignorieren, und drehte sich wieder zu ihrem Wagen um. Sie war hier, um im Umfolozi Park eine Wandersafari zu begleiten und einen Bericht darüber für Men’s Fitness World zu schreiben. Nicht um knackige Männer zu beäugen. Für einen Moment schloss sie die Augen. Zugegebenermaßen würde dieser Mann hier selbst bei den Fitnessmodels vom Aussehen her im oberen Drittel rangieren, allerdings war er auf eine unauffälligere, natürlichere Weise attraktiv. Seine Erscheinung war eine Wohltat für die Augen - nach Jahren aufgepumpter Muskeln und leerer Hirne. Und sicherlich begehrenswerter. Begehren ... Kopfschüttelnd beugte Laurel sich wieder in ihren Mietwagen. Sie nahm eine Wasserflasche heraus, lehnte sich an das heiße Metall des Autos und trank gierig einen großen Schluck. Seit einiger Zeit stand sie jetzt schon in der brütenden Hitze, und noch immer war niemand aufgetaucht. Als sie  eine halbe Stunde zuvor im Büro des Mpila Camps nachgefragt hatte, war ihr gesagt worden, dass gleich jemand komme. Anscheinend galt hier eine andere Zeitrechnung als anderswo.

Sie sah die Unterlagen vor ihrem geistigen Auge, die ihr zugeschickt worden waren, als sie die Safari gebucht hatte: "Seien Sie pünktlich, sonst werden Sie zurückgelassen!" Ihre Mundwinkel bogen sich unwillkürlich nach oben. Immerhin konnte sie die Situation noch mit Humor betrachten, obwohl sie bereits früh morgens in Durban aufgebrochen war und deshalb ihr Frühstück, und vor allem ihren Kaffee, verpasst hatte. Erstaunlich, dass sie überhaupt die Augen offen halten konnte. Normalerweise war sie vor acht Uhr und einer Infusion extra starken Kaffees zu nichts zu gebrauchen.

Erneut wanderte ihr Blick über den Parkplatz, der ringsum von üppiger, grüner Natur umgeben war. Es standen noch ein paar Fahrzeuge auf dem Parkplatz verstreut, aber bisher hatte sie niemanden bemerkt, der so aussah, als würde er an einer Safari teilnehmen wollen. Sicher nicht die zwei korpulenten älteren Herrschaften mit ihrer ebenso dicken Tochter, auch nicht die Familie mit den kleinen Kindern oder die beiden Männer, die unter den Bäumen auf einer Bank saßen und ihr Frühstück einnahmen, während sie miteinander turtelten. Am liebsten hätte sie sich auch dort in den Schatten gesetzt und die etwas kühlere Luft genossen, aber sie wollte auf keinen Fall den Guide verpassen.

Die Hitze stieg in Wellen vom Asphalt auf. Sie konnte sie sogar durch die dicke Sohle ihrer Wanderstiefel spüren, von wo sie die weiten Hosenbeine ihrer Trekkinghose emporkroch. Laurel wischte sich den Schweiß von der Stirn, trank noch einen Schluck Wasser und warf dann die Flasche zurück ins Auto. Als sie sich umdrehte, spürte sie den interessierten Blick des Mannes auf sich ruhen. Sie beschloss, ihn und das leichte Prickeln in ihrer Magengrube einfach zu ignorieren und lieber noch einmal im Büro nachzufragen, wann der Ranger für die Tour auftauchen würde. Sie betrat das relativ kühle Innere des Gebäudes und schob sich die Sonnenbrille in die Haare. Geduldig wartete sie, bis der dickbäuchige Mann vor ihr die beste Route für eine Rundfahrt erfragt hatte - als wenn es in diesem Park so viele Möglichkeiten gäbe, und bedachte die schwarze Rangerin dann mit einem freundlichen Lächeln.
"Hallo, haben Sie inzwischen schon etwas vom Ranger für die Safari gehört?" "Ich habe mit ihm gesprochen, er fährt gerade hier herauf, müsste jeden Moment da sein."

Laurel bedankte sich, zweifelte inzwischen aber, ob sie der Information wirklich trauen konnte. Als sie sich umdrehte, prallte sie mit einem Mann zusammen. Für eine Schrecksekunde verharrte sie in der Bewegung, ehe ihr Blick zögernd an einer muskulösen Brust in einem olivgrünen T-Shirt über den kräftigen Hals bis zum gebräunten Gesicht des Mannes hinaufglitt. Fast hätte sie geseufzt, als sie den knackigen Jeepfahrer erkannte. Warum musste sie ausgerechnet ihm in die Arme laufen? Wortwörtlich. Seine Hand umfasste ihren Arm - vermutlich fürchtete er, dass sie bei seinem Anblick ohnmächtig zu Boden sinken könnte. Augenblicklich befreite sie ihren Arm aus seinem Griff und schob die Sonnenbrille auf die Nase zurück. Nun nahm sie in dem dunklen Raum zwar alles nur noch schemenhaft war, aber das war immer noch besser, als seinem neugierigen Blick ausgeliefert zu sein. Laurel wollte an ihm vorbeigehen, doch seine langen Finger schlossen sich bereits wieder um ihr Handgelenk.
Ihre Augenbraue zuckte in die Höhe. "Würden Sie mich loslassen?"
Erneut blitzten seine Zähne auf. Während er sie losließ, glitten seine Fingerspitzen flüchtig über ihren Arm. "Tut mir Leid."
Ja, sicher. Laurel warf ihm einen ironischen Blick zu - der ihm vermutlich wegen ihrer Sonnenbrille entging -, bevor sie sich an ihm vorbeischob. Sie trat aus dem Gebäude und überquerte den kleinen Parkplatz. Sofort nahm die Hitze sie wieder gefangen.

"Sie machen also auch die Wandersafari mit."
Erschrocken fuhr Laurel herum. Sie hatte überhaupt nicht bemerkt, dass der Mann ihr aus dem Büro gefolgt war. Was hatte er gesagt: Auch? Wie konnte es auch anders sein? So wie alles lief, seit sie in Südafrika gelandet war, hätte sie es wissen müssen.
"Das war keine Fangfrage." Er probierte sein allerbestes Lächeln. "Ich bin Rey Dyson. Und wie heißen Sie?"
Laurel blickte auf seine ausgestreckte Hand hinab. So schnell würde sie den Mann wohl nicht wieder loswerden. Innerlich seufzend ergriff sie sie und drückte kräftig zu. "Harrison. Laurel Harrison."

Laurel - bei dem Namen musterte er sie eindringlich. Die Frisur, die Kleidung und auch ihr Auftreten waren streng geschäftsmäßig - während „Laurel“ eher weich und verträumt klang. Die dunkle Sonnenbrille verbarg ihre Augen. Rey wusste, dass er nicht hätte hupen sollen, aber er hatte einfach nicht widerstehen können. Wie sie da im Auto gekniet hatte, ihr verlockend rundes Hinterteil in der beigefarbenen Zipperhose in die Luft gereckt, war es einfach über ihn gekommen. Die ständigen Ermahnungen seiner Eltern kamen ihm in den Sinn: Er solle endlich erwachsen werden - womit sie unzweifelhaft Recht hatten. Aber wäre das Leben nicht furchtbar langweilig, wenn er immer nur das täte, was von ihm erwartet wurde oder was sich 'gehörte'? Er zog es nun mal vor, hin und wieder eine Dummheit zu begehen und dafür zu leben, statt nur daneben zu stehen und alles zu beobachten.

"Also, nehmen Sie auch an der Safari teil?"
"Ja." Laurel beschloss, ihn ein bisschen zappeln zu lassen, er hatte es nicht anders verdient, nach seiner unverschämten Huperei.
"Ich auch. Toll, dann bin ich wenigstens nicht der einzige Amerikaner hier. Wo kommen Sie her, irgendwo aus dem Süden, oder?"
"Ja."
"Ich komme aus Kanab, das liegt einige Kilometer nördlich vom Grand Canyon."

Deutlicher hätte sie ihm ihr Desinteresse nicht zeigen können, dachte Rey. Was sein Interesse eher noch steigerte. Wahrscheinlich lag es daran, dass er es einfach satt hatte, sich immer nur mit sich selbst zu unterhalten. Wie die vergangenen Wochen, als er alleine kreuz und quer durch Südafrika gefahren war. Oder davor die Wochen auf seinem Segelboot. Er brauchte einfach mal wieder ein gutes Gespräch und ein wenig Gesellschaft, und wer war da besser geeignet als eine hübsche junge Frau? Er musste sie nur noch zum Reden bringen.

"Ist noch kein Ranger aufgetaucht?", fragte er.
"Nein. Schon seit über einer Stunde sagt man mir, dass der Guide bald kommt. Aber bisher habe ich noch niemanden gesehen."

Anscheinend war das die richtige Frage gewesen, denn immerhin hatte sie mehr als ein Wort gesagt. War da etwas mehr Regung in ihrer Stimme gewesen als zuvor? Er tippte auf Ungeduld. Rey fragte sich, was eine Frau wie Laurel, die eindeutig nicht wie jemand aussah, der freiwillig eine Zeltsafari mitmachte, dazu brachte, es dennoch zu tun. Ihr Leben schien sich sonst überwiegend in der Stadt abzuspielen. Er verzichtete jedoch, sie danach zu fragen, denn das wäre vermutlich ein zu persönliches Thema gewesen.

Deshalb entschied er sich für harmlosen Smalltalk. "Wenn hier jemand 'bald' sagt, dann müssen Sie das nicht wörtlich nehmen. Ich würde es eher mit 'irgendwann' übersetzen."
Laurels Mundwinkel wölbten sich nach oben. "Das ist mir auch schon aufgefallen." Sie schaute sich um - weit und breit war noch kein Ranger in Sicht. "Ich werde dann wohl mein Gepäck checken, ob ich auch nichts vergessen habe - damit ich bereit bin, falls heute doch noch jemand kommen sollte."
"Nehmen Sie genug Wasser mit. Und eine Kleinigkeit zu essen, wir bekommen erst abends im Lager etwas."

Laurel nickte und ging weiter zu ihrem Mietwagen. Sie war froh, einen Grund gefunden zu haben, Rey entkommen zu können. Sein eindringlicher Blick hatte wieder dieses Kribbeln in ihrer Magengrube ausgelöst; es wäre nicht das erste Mal, dass es sie in Schwierigkeiten gebracht hätte. Sie musste sich immer vor Augen halten, dass sie hier war, um einen Job zu erledigen und nicht, um sich mit gut aussehenden Männern zu unterhalten. Und dass er gut aussah, konnte sie wirklich nicht leugnen. Das markante Gesicht, die forschenden hellgrünen Augen ... Laurel schüttelte den Kopf. Sie sollte sich besser auf ihre Arbeit konzentrieren. Zum Beispiel könnte sie ihre Gedanken ordnen und zu Papier bringen, was sie von der Safari erwartete. Oder - das wäre wohl etwas produktiver - ihre Gedanken gleich in den Laptop eingeben. Zur Sicherheit hatte sie auch noch einen Ersatzakku mitgenommen, denn sie bezweifelte, dass es im Lager überhaupt Strom gab.

Gerade wollte sie sich wieder in den Wagen beugen, als sie das Knattern eines Motorrads hörte. Sie blickte erstaunt auf. Tatsächlich, ein Ranger fuhr auf einem Motorrad den Hügel herauf, beladen mit einigen Rucksäcken und Feldflaschen. Der junge Mann, ein Weißer, grinste sie an. Laurel verzog den Mund. Wenn das ihr Führer war, dann würde das Ganze sicher noch eine lustige Angelegenheit werden. Mit Schwung stieg er vom Motorrad und ließ die Gepäckstücke achtlos auf den Boden fallen. Bisher hatte Laurel außer Rey noch niemanden gesehen, der so aussah, als ob er an der Safari teilnehmen würde, doch jetzt versammelten sich plötzlich sechs weitere Personen in der Mitte des Parkplatzes. Der Ranger schaute in die Runde und nickte dann zufrieden.

"Hallo, willkommen im Umfolozi. Jeder von Ihnen kann sich einen Rucksack und eine Wasserflasche nehmen. Mit dem Rucksack müssen Sie auf dem Hinweg Ihre persönlichen Sachen transportieren, auf dem Rückweg wird das Gepäck von den Eseln mitgenommen. Füllen Sie die Wasserflasche am besten schon mal voll, damit Sie auf dem Weg genug zu trinken dabei haben. Wenn Sie fertig sind, fahren Sie zum Lager Mndindini und warten dort auf Ranger Jim, er wird dann gleich zu Ihnen stoßen. Noch Fragen?"
"Wo finden wir denn M-mm ... das Lager?"
"Einfach nur die Straße wieder runter und dann rechts den unbefestigten Weg entlang."

Das klang nicht besonders schwer. Außerdem bot ihnen ein junger Mann in uniformähnlicher Kleidung an, der ebenfalls an, der Tour teilnehmen würde, dass sie ihm einfach nur zu folgen bräuchten. Jeder nahm sich einen Rucksack und eine Wasserflasche und ging zu seinem jeweiligen Fahrzeug zurück. Laurel konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen, als sie sah, wie der Uniformierte mit zwei anderen Teilnehmern heftig gestikulierend diskutierte. Der Mann schien sich sehr wichtig vorzukommen. Der Aussprache nach zu urteilen war er ein Südafrikaner und würde daher wohl wissen, wo es lang ging. Jedenfalls hoffte sie das. Inzwischen war es bereits halb zehn, und das Lager, von wo aus sie starten würden, lag nochmals acht Kilometer entfernt. Wenn sie an diesem Tag überhaupt noch etwas sehen wollten, mussten sie sich allmählich sputen.

Als Laurel sah, dass Rey als Einziger keinen Rucksack genommen hatte, sah sie ihn fragend an. „Wollen Sie doch nicht mit?"
Er grinste. "Doch, natürlich. Aber ich habe bereits meinen eigenen Rucksack gepackt und keine Lust, jetzt alles noch mal umzuräumen."
"Hat er eine Farbe, die wilde Tiere anzieht?"
"Nein. Ganz schlichtes Blau, kein Problem."
"Schade, das wäre bestimmt eine nette Geschichte geworden."

Während sie sich abwandte, um ihren Rucksack zu packen, blickte Rey ihr lachend hinterher, die Hände in die Hüften gestemmt. Nicht schlecht, sie hatte sogar Humor. Mochte er auch beißend sein - damit hatte er kein Problem. Eine fröhliche Melodie pfeifend überprüfte er ein letztes Mal seinen Rucksack sowie die eingepackten Wasserflaschen und wartete dann voller Vorfreude auf das Zeichen zum Aufbruch. Endlich würde er sich wieder ein wenig bewegen können, in den meisten Parks musste man im Auto bleiben und konnte nur hin und wieder an ausgewählten Plätzen aussteigen. Er hatte zwar nicht unbedingt Lust, die ganze Zeit hinter jemandem herzulaufen, aber das war immer noch besser, als sich überhaupt nicht zu bewegen. Die Landschaft mit weit ausladenden Akazien, stacheligen Büschen und mehreren Meter hohen Termitenhügeln war äußerst reizvoll - er freute sich schon darauf, hier einige schöne Motive zu filmen. Und wenn ihm noch ein paar exotische Tiere vor die Linse laufen sollten, um so besser. Das war auch der Grund, warum sein Rucksack so voll gestopft war, er hatte einen Teil seiner Filmausrüstung dabei. Er beobachtete, wie die anderen in ihr Auto, ihren VW-Bus oder ihr Wohnmobil stiegen, und tat es ihnen gleich.

In einer Kolonne fuhren sie die schmale Asphaltstraße hinunter und bogen dann in einen sandigen Weg ein. Sie wichen tiefen Schlaglöchern und Auswaschungen aus und quälten sich einen steilen Hügel hinauf. Er sah eine Schar im Boden grabende Warzenschweine und etwas weiter entfernt ein Nashorn, das unter einem dürren Baum Schutz vor der glühenden Hitze gesucht hatte. Ein riesiger rabenähnlicher Vogel, der am Straßenrand entlang lief, ließ sich auf seiner Suche nach Aas von den Autos nicht stören. Nach einer letzten Abzweigung kamen sie schließlich gut durchgeschüttelt im Lager Mndindini an.

Laurel stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Endlich würde es losgehen! Sie stellte ihren Mietwagen auf dem Parkplatz im Schatten ab, hob den schweren Rucksack heraus und setzte ihn auf den Rücken. Ihre Baseballkappe behielt sie in der Hand, da sich die Sonneneinstrahlung unter den Bäumen noch in Grenzen hielt. Nach und nach versammelten sich alle Teilnehmer vor den Autos und blickten sich suchend um. Wo war, verdammt noch mal, der Ranger? [...]