Leseprobe

Kapitel 1

Arches National Park, Utah

Wenn sie geahnt hätte, was passieren würde, wäre sie in einen anderen Teil des Parks gegangen oder besser noch in ihrem Hotelzimmer in Moab geblieben. Autumn verlagerte vorsichtig ihr verletztes Bein auf dem glatten, aber unbequemen Felsblock, den sie mit letzter Kraft erreicht hatte. Auch wenn er nicht besonders hoch war, konnte sie so ihr Knie etwas entlasten, das sich in ihrer Jeans bereits geschwollen anfühlte. Und es war immer noch besser, als im Sand zu sitzen und womöglich auf irgendwelche Krabbelviecher zu stoßen.
    Dummerweise hatte sie am Parkplatz zum Fiery Furnace im Arches National Park, einem Gebiet mit verwirrenden hohen Felssäulen aus rotem Sandstein, die Warnschilder ignoriert, die auf unmarkierte Wege und Verirrungsgefahr hinwiesen. Sie hatte sich nicht für einen unbedarften Besucher gehalten – eine klare Fehleinschätzung. Auch wenn sie in einer Woche Ranger im Park werden würde, hieß das noch lange nicht, dass sie sich hier auskannte, schließlich kam sie geradewegs aus New York. Nun wusste sie es besser. Während ihrer mehrstündigen Wanderung war sie mit ihren Turnschuhen auf dem teuflisch glatten Fels mit dem treffenden Namen Slickrock ausgerutscht und hatte sich ihr Knie verletzt. Zusätzlich zu den Schmerzen quälte sie furchtbarer Durst, und auch die Tatsache, dass sie seit heute Morgen nichts gegessen hatte, machte sich unangenehm bemerkbar. Aber noch schlimmer war, dass es langsam dunkler wurde und sie wohl die Hoffnung aufgeben musste, heute noch gerettet zu werden.
    Es würde sie nicht mal jemand vermissen, denn sie hatte niemandem gesagt, dass sie sich im Fiery Furnace aufhalten wollte. Wem hätte sie es auch sagen sollen? Sie kannte hier niemanden, und wenn es nach ihr ging, dann würde das auch so bleiben. Sie war in diese weite Landschaft gekommen, um dem Engegefühl in New York und ihrer Arbeit als Bibliothekarin zu entfliehen. Natürlich gab es auch noch andere Gründe, aber darüber wollte sie im Moment lieber nicht nachdenken, schließlich hatte sie schon genug Probleme. In diesem Moment hätte sie sich allerdings gefreut, andere Menschen zu sehen, denn das würde bedeuten, dass sie nicht die Nacht hier in diesem einsamen Gebiet verbringen musste.
    Ein Schauder lief bei der Vorstellung über ihren Rücken, hier in der Dunkelheit ausharren zu müssen. Es konnte sich jederzeit jemand nähern und … Mit Gewalt schob Autumn diesen Gedanken beiseite. Sie musste jetzt die Nerven behalten, wenn sie die Nacht überstehen wollte. Auch wenn ihre Erinnerung sie zurück in den Abgrund führen wollte, musste sie dagegen ankämpfen. Sie war hier zwar allein, aber das hatte auch den Vorteil, dass Robert nicht wusste, wo sie war. Und damit gab es keine Gefahr, dass er plötzlich auftauchen würde. Sie musste nur warten. Morgen würden neue Besuchergruppen dieses Gebiet durchwandern und sie entdecken.
    Autumn lehnte sich zurück. Wenigstens war es nach Sonnenuntergang ein wenig kühler geworden, was ihrer verbrannten Haut unendlich gut tat. Trotz ihrer misslichen Lage musste sie zugeben, dass der Nationalpark wunderschön war. Massive dunkelrote Felswände, balancierende Steine und die bekannten Felsbögen gaben eine faszinierende Kulisse ab. Hier im Fiery Furnace, im Schluchtenlabyrinth aus Buntsandsteinsäulen, die in der späten Abendsonne Feuer zu fangen schienen, gab es die moderne Welt nicht mehr. Kein Laut war zu hören, außer dem gelegentlichen Singen eines Vogels. In den Büchern, die sie sich in Vorbereitung auf ihre Arbeit gekauft hatte, stand, dass die meisten der hier heimischen Tiere den ganzen Tag in Felsspalten schlummerten und erst nachts aktiv wurden. Sie hoffte, dass diese Regel auch für Schlangen und Skorpione galt.
    Schnell richtete sie sich auf, als sie ein Rascheln hörte. Sie sah sich um, konnte aber nichts Ungewöhnliches in der flimmernden Hitze und den dunklen Schatten entdecken. Erleichtert ließ sie sich zurücksinken. Glücklicherweise würde die Temperatur nachts nicht so extrem sinken, erfrieren würde sie also nicht. Aber es konnte durchaus sein, dass sie verdurstete. Ihr letztes Wasser hatte sie schon vor Stunden getrunken und nun fühlte sich ihre Zunge in ihrem Mund wie ein trockenes Stück Holz an. Mühsam versuchte sie zu schlucken. In einem Buch hatte sie gelesen, dass man sich kleine Steine in den Mund legen sollte, um den Speichelfluss anzuregen. Aber wo waren diese Steine, wenn man sie brauchte? Hier gab es nur Felsblöcke und Sand. Da sie im Moment nichts tun konnte, lehnte Autumn sich zurück und schloss die Augen. Sofort döste sie ein.

    Leichtfüßig lief Shane Hunter den schmalen, unmarkierten Weg hinab, der nur für Eingeweihte zu erkennen war. Er war guter Stimmung, hatte er doch viele gute Fotos von versteckten Orten im Fiery Furnace geschossen. Das Licht war ideal für die Aufnahmen gewesen, weich und fließend. Sonst war die Sonneneinstrahlung hier im Südwesten oft zu stark und produzierte zu harte Schatten. Doch jetzt wurde es allmählich dunkel und er würde sich beeilen müssen, denn das Gebiet war nicht beleuchtet und selbst er konnte sich im Dunkeln verirren oder verletzen. Das Gewicht seines vollgepackten Rucksacks machte ihm nichts aus, er war es gewohnt, damit stundenlang durch die Gegend zu laufen. Sein einbeiniges Stativ benutzte er als Wanderstock. Wie immer fühlte er sich in der freien Natur sofort viel besser. Selbst ein anstrengender Tag als Ranger konnte ihn nicht davon abhalten, sich allabendlich, sofern er keinen Dienst hatte, mit seinem Fotoapparat an stille, spektakuläre Orte zurückzuziehen, um in Ruhe seine Bilder zu machen.
    In seine Gedanken versunken, bemerkte er kaum den dunkelroten Fleck auf einem der Felsblöcke. Erst als er sich bewegte, registrierte Shane, dass es sich nicht um einen der unzähligen roten Felsen handelte. Vielleicht war es ein verletztes Tier, das in einer Felsspalte feststeckte. Andererseits hatte er noch nie ein Tier dieser Farbe gesehen. Shane bewegte sich vorsichtig über die rutschigen Felsen auf den Fleck zu. Als er nur noch wenige Meter entfernt war, erkannte er plötzlich, was es war: Haare! Den Rest der Strecke legte er im Laufschritt zurück.
    Shane umrundete den letzten Felsblock und stand vor einem Häufchen Mensch, das absolut bemitleidenswert aussah. Zerzauste dunkelrote Haare standen in hartem Kontrast zu rosafarbener, ehemals wohl weißer Haut, die ziemlich verquollen schien. Ein schmutziger Streifen zog sich über die rechte Wange. Shane bückte sich, um den Puls an der Halsschlagader zu prüfen, als sich die Augenlider flatternd hoben und er in die grünsten Augen blickte, die er je gesehen hatte. Gebannt beobachtete er, wie sich die Augen erst zusammenzogen und dann erschreckt weiteten. Beruhigend wollte er seine Hand auf ihre Schulter legen, als die Frau ihn plötzlich mit beiden Händen vor die Brust stieß. Darauf nicht vorbereitet, konnte Shane sich nicht mehr rechtzeitig festhalten und kippte nach hinten um. Er sah gerade noch, wie sich die Frau in eine Felsnische zurückzog, bevor er rückwärts den Felsen hinunterfiel. Dank seines Rucksacks landete er relativ weich, doch es ärgerte ihn, dass er die Reaktion der Frau nicht hatte kommen sehen. Shane hob sein Stativ auf, das er bei dem Sturz verloren hatte, und erhob sich.
    Wenn sie es gekonnt hätte, wäre sie wohl noch weiter in den Fels hineingekrochen, als er sich erneut vor ihr aufbaute. Sie gab einen Laut von sich, der Shane einen Schauder über den Rücken trieb. [...]


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