Riskante Nähe Ab Januar 2011 unter dem Titel "Vertraute Gefahr" erhältlich!

Leseprobe (alt)

Kapitel 1

Arches National Park, Utah

Wenn sie geahnt hätte, was passieren würde, dann wäre sie in einen anderen Teil des Parks gegangen, oder besser noch in ihrem Hotelzimmer in Moab geblieben, dachte sie und verlagerte ihr verletztes Bein auf dem glatten, aber unbequemen Felsblock, den sie mit letzter Kraft noch erreicht hatte. Sie hatte am Parkplatz zum Fiery Furnace im Arches Nationalpark die Warnschilder ignoriert, die auf unmarkierte Wege und Verirrungsgefahr hinwiesen, da sie sich nicht für einen unbedarften Besucher hielt. Schließlich würde sie in einer Woche ein Teil des National Park Service werden. Ein Ranger konnte sich ja wohl kaum in seinem Park verirren, hatte sie zumindest bis vor einigen Stunden noch gedacht. Nun wusste sie es besser und hatte sich wegen ihrer Turnschuhe, mit denen sie auf dem teuflisch glatten Fels mit dem treffenden Namen Slickrock ausgerutscht war, auch noch ihr Knie verrenkt. Es wurde langsam dunkler und sie musste wohl die Hoffnung aufgeben, noch gefunden zu werden.

Das wäre eigentlich auch ziemlich unlogisch, da sie niemandem gesagt hatte, dass sie hierher gehen wollte. „Wieder einmal eine von deinen dämlichen Ideen, Autumn Howard“, schalt sie sich selbst. Wem hätte sie es auch sagen sollen, sie kannte hier niemanden, und wenn es nach ihr ginge, würde das auch so bleiben. Sie war in diese weite Landschaft gekommen, um dem Engegefühl in New York und ihrer Arbeit als Bibliothekarin zu entfliehen. Natürlich gab es auch noch andere Gründe, aber darüber wollte sie im Moment lieber nicht nachdenken. Schließlich hatte sie schon genug Probleme. Sie lehnte sich zurück und war froh, dass es ohne die Sonne wenigstens ein wenig kühler wurde. Es würde sie nicht wundern, wenn ihre eher blasse Haut schon ziemlich verbrannt sein würde.

Trotz ihrer misslichen Lage musste sie zugeben, dass dieser Nationalpark wunderschön war. Massive dunkelrote Felswände, balancierende Steine und die bekannten Felsbögen gaben eine faszinierende Kulisse ab. Hier im Fiery Furnace, im Schluchtenlabyrinth aus Buntsandstein-Säulen, die in der späten Abendsonne Feuer zu fangen schienen, gab es die moderne Welt nicht mehr. Kein Ton war zu hören, außer dem gelegentlichen Singen eines Vogels. In ihren Büchern, die sie sich in Vorbereitung auf ihre Arbeit hier gekauft hatte, stand, dass die meisten der hier heimischen Tiere den ganzen Tag in Felsspalten schlummerten und erst nachts aktiv wurden. Sie hoffte, dass diese Regel auch für Schlangen und Skorpione galt.

Schnell richtete sie sich auf. Hatte sie nicht eben ein Rascheln gehört? Sie sah sich um, konnte aber nichts Ungewöhnliches in der flimmernden Hitze und den dunklen Schatten entdecken. Langsam ließ sie sich zurücksinken. Gott sei Dank würde die Temperatur nachts nicht bis auf weniger als 15°C sinken, erfrieren würde sie also nicht. Aber es könnte durchaus sein, dass sie verdurstete. Ihr letztes Wasser hatte sie schon vor Stunden getrunken und nun fühlte sich ihre Zunge wie ein trockenes Stück Holz an. Mühsam versuchte sie zu schlucken. In einem Buch hatte sie mal gelesen, dass man sich kleine Steine in den Mund legen sollte um den Speichelfluss anzuregen. Aber wo waren diese Steine wenn man sie brauchte? Hier gab es nur Felsblöcke und Sand. Da sie im Moment nichts tun konnte, lehnte sie sich zurück und schloss die Augen. Im Nu döste sie ein.

Shane lief leichtfüßig den schmalen, unmarkierten Weg hinab, der nur für Eingeweihte zu erkennen war. Er war guter Stimmung, hatte er doch viele Fotos von versteckten Orten im Fiery Furnace geschossen, die er Leigh zuschicken konnte. Seine Miene verdüsterte sich. Wie konnte er ihr nur helfen? Aber wie immer hatte er keine Antwort. Nur seine Bilder konnten sie kurzzeitig aufmuntern. Also würde er beständig neue Orte suchen, die er ihr noch nicht gezeigt hatte.

Zufrieden, dass er wenigstens dies für sie tun konnte, gewann er seine gute Laune wieder und pfiff leise vor sich hin. Es wurde langsam dunkel und er würde sich beeilen müssen, denn hier gab es keine Laternen am Weg und selbst er würde sich im Dunkeln vermutlich verirren. Da er in blendender Form war, machte ihm das Gewicht seines voll gepackten Rucksacks nicht viel aus. Sein einbeiniges Stativ benutzte er als Wanderstock. Wie immer fühlte er sich in der freien Natur sofort viel besser. Selbst ein anstrengender Tag als Ranger konnte ihn nicht davon abhalten, allabendlich, sofern er keinen Dienst hatte, seinen Fotoapparat zu schnappen und sich an stille, spektakuläre Orte zurückzuziehen, um in Ruhe seine Fotos zu schießen. In seiner kleinen Hütte hatte er ein gut eingerichtetes Fotolabor, in dem er sie gleich entwickeln konnte.

In seine Gedanken versunken, bemerkte er erst überhaupt nicht den dunkelroten Fleck auf einem der Felsblöcke. Erst als er sich bewegte, registrierte er, dass es sich hier nicht um einen der unzähligen roten Felsen handelte. Vielleicht war es ein verletztes Tier, das in einer Felsspalte feststeckte, überlegte er. Andererseits hatte er hier noch nie ein Tier dieser Farbe gesehen. Shane bewegte sich langsam über die rutschigen Felsen auf den Fleck zu. Als er nur noch einige Meter entfernt war, konnte er plötzlich erkennen, was es war: Haare! Sofort legte er die letzte Strecke im Laufschritt zurück.

Er umrundete den letzten Felsblock und stand vor einem Häufchen Mensch, das absolut bemitleidenswert aussah. Zerzauste dunkelrote Haare standen in hartem Kontrast zu rosafarbener, ehemals wohl weißer Haut, die ziemlich verquollen schien. Ein schmutziger Streifen zog sich über die rechte Wange hin. Shane bückte sich, um den Puls an der Halsschlagader zu prüfen, als sich flatternd die Augenlider hoben und er in die grünsten Augen blickte, die er bis dahin gesehen hatte. Gebannt beobachtete er, wie sich die Augen erst zusammenzogen und dann erschreckt weiteten. Beruhigend wollte er mit der Hand über die Wange streichen, als das sonderbare Wesen ihn plötzlich mit beiden Händen vor die Brust stieß, sodass er nach hinten umkippte. Gleichzeitig zog sie sich in eine Felsnische zurück. Der Stoß hatte ihn ziemlich unvorbereitet getroffen, er konnte sich nicht mehr rechtzeitig festhalten und fiel rückwärts den Felsen hinunter. Dank seines Rucksacks landete er relativ weich. Doch es ärgerte ihn, dass er die Reaktion der Frau nicht hatte kommen sehen. Er griff sich sein Stativ, das er hatte fallen lassen, und rückte wieder auf den Felsblock zu. Seine Miene wurde weicher, als er sah, dass die Frau anscheinend Angst vor ihm hatte. [...]