Riskante Nähe Neuauflage bei Lyx ab Juli 2011!

Leseprobe

Prolog

Washington, D. C.
Karen Lombard atmete tief durch, als die Haustür hinter ihrem Mann zufiel. Wie so oft war die Spannung zwischen ihnen beinahe mit Händen greifbar gewesen. Dabei wusste sie nicht einmal, was sie jetzt wieder getan hatte, um Paul gegen sich aufzubringen. Schon seit Monaten erzählte sie ihm nichts mehr über ihre Arbeit als Waffenexpertin im Pentagon, weil sie wusste, dass er sich ihr dadurch unterlegen fühlte und meist mit spöttischen Bemerkungen reagierte.
    Unmut breitete sich in ihr aus. Was konnte sie dafür, wenn er mit seiner Arbeit als Buchhalter nicht zufrieden war? Er hatte sich seinen beruflichen Werdegang selbst ausgesucht, und sie hatte nie auch nur mit einem Wort angedeutet, dass sie ihn deswegen weniger schätzte. Das Einzige, was sie störte, war seine ewige Unzufriedenheit und seine Eifersucht auf ihre Arbeit. Kopfschüttelnd schob sie diese Gedanken beiseite, wie so oft. Paul würde irgendwann einsehen, dass sie ein gutes Leben führten und mit dem zufrieden sein konnten, was sie erreicht hatten.
    Ein Blick auf die Uhr zeigte Karen, dass sie sich beeilen musste. Durch die Diskussion mit Paul war sie heute später dran als gewöhnlich, und auch wenn ihre Mitarbeiter nichts sagen würden, hasste Karen Unpünktlichkeit. Im Bad fasste sie ihre langen blonden Haare zu einem Knoten zusammen, damit sie ihr bei der Arbeit nicht im Weg waren. Kritisch betrachtete sie sich im Spiegel und zuckte dann mit den Schultern. Mit ihrem zu breiten Mund und der eher molligen Figur würde sie nie
schön und schlank sein, aber das brauchte sie auch nicht, solange ihr Gehirn funktionierte. Mit einem Seufzer wandte sie sich ab. Aber schaden konnte es sicher auch nicht.
    Karen zuckte erschrocken zusammen, als aus dem Erdgeschoss ein Scheppern zu ihr heraufdrang. Rasch lief sie auf den Flur, lehnte sich über das Treppengeländer und blickte nach unten. »Paul? Hast du etwas vergessen?«
    Keine Antwort. Karen lauschte angestrengt, doch sie konnte keine Schritte oder anderen Geräusche hören. Paul schien also nicht noch einmal zurückgekommen zu sein. Trotzdem hatte sie das Gefühl, dass sie nicht mehr alleine im Haus war. Gänsehaut überzog ihre Arme, und ein Schauder lief über ihren Rücken. So leise wie möglich ging sie die Treppe hinunter und stoppte, als sie in das Wohnzimmer sehen konnte. Es schien alles wie immer zu sein, und sie kam sich allmählich albern vor, dass sie durch ihr eigenes Haus schlich. Schließlich hatten sie ein gutes
Sicherheitssystem, das sie immer scharf stellten, sogar wenn nur einer von ihnen das Haus verließ. An der roten Lampe konnte sie erkennen, dass Paul es auch heute Morgen angestellt hatte. Erleichtert atmete sie auf.
    Im Grunde besaßen sie sowieso kaum etwas, das einen Diebstahl lohnte, doch das Verteidigungsministerium hatte auf der Alarmanlage bestanden, weil sie, wie man mehrfach betonte, als Leiterin eines geheimen Waffenprojektes durchaus Opfer einer Entführung werden konnte. Karen nahm die Warnung ernst, aber sie weigerte sich, ihr Leben von Furcht bestimmen zu lassen. Lautlos ging sie über den flauschigen Läufer, der den Holzboden bedeckte, auf das Wohnzimmer zu. Ohne dass sie es sich erklären konnte, kam plötzlich Unruhe in ihr auf.
    Karen schüttelte den Kopf. Es wurde eindeutig Zeit, ihre Tasche zu holen und das Haus zu verlassen. Auf ihrem Weg zur Küche, die direkt an das Wohnzimmer anschloss, entdeckte sie einen Blumentopf, der zerbrochen auf dem Parkett lag. Scherben und Erde waren bei dem Aufprall bis unter den Couchtisch geflogen. Trauer erfüllte sie, als sie den zerstörten Topf sah, den sie erst vor einigen Wochen gekauft hatte. Verdammt! Jetzt wusste sie immerhin, was das Scheppern verursacht hatte. Wie hatte das passieren können? Vielleicht war Paul in seiner Hast, das Haus zu verlassen, dagegen gestoßen. Allerdings hatte sie das Knallen der Haustür deutlich vorher gehört. Oder?
    Die Unruhe verstärkte sich. Obwohl die Alarmanlage eingeschaltet war und sie niemanden hörte oder sah, hatte sie das Gefühl, nicht mehr allein im Haus zu sein. Karen atmete tief durch. Sie würde jetzt ihre Handtasche samt Handy holen undaus dem Haus verschwinden. Von draußen konnte sie dann die Polizei benachrichtigen und das Haus durchsuchen lassen.
    Ebenso leise wie zuvor betrat sie die Küche und atmete erleichtert auf, als ihr dort niemand auflauerte. Offensichtlich war es wirklich nur ihre Fantasie, die ihr einen Streich spielte.
    Rasch nahm sie eine Wasserflasche aus dem Kühlschrank und wollte sie gerade in ihre Tasche stecken, als sie ein leises Knarren hörte. Sofort erstarrte Karen in der Bewegung und hielt den Atem an. Wild blickte sie sich um. Sie wusste genau, welche der Holzdielen im Flur knarrte, wenn jemand drauftrat. Und das hieß, es war tatsächlich ein Eindringling im Haus.
    Karen stellte die Wasserflasche zur Seite und wühlte in ihrer Tasche nach dem Handy, während sie sich gleichzeitig rückwärts bewegte. Es gab nur einen Weg aus der Küche, nämlich den durch das Wohnzimmer, und von dort würde auch der Einbrecher kommen, wenn er sie gehört hatte. Wo war dieses verdammte Handy?Ihre Handtasche war bis oben hin mit irgendwelchen unwichtigen Dingen gefüllt – nur das Telefon war nicht zu finden. Das Zittern ihrer Finger machte die Suche nicht gerade einfacher.
    Ein Knirschen ertönte im Wohnzimmer, und sie wusste, dass ihre Zeit ablief. In wenigen Sekunden würde jemand in die Küche kommen und sie entdecken. Ihr Herz hämmerte wild in ihrer Brust, während sie mit weit aufgerissenen Augen zur Türstarrte. Doch neben der Furcht breitete sich auch Wut in ihr aus. Sie weigerte sich, ein Opfer zu sein, das in der Ecke kauerte und sich nicht zur Wehr setzte. Ihr Blick wanderte zum Messerblock, der auf der Arbeitsplatte stand. Darin steckten ein paar ziemlich große Messer, doch um dorthin zu kommen, musste sie an der Tür vorbei.
    Verzweifelt suchte sie nach einer anderen Waffe und entdeckte schließlich die gusseisernen Pfannen, die als Dekoration neben dem Herd hingen. Entschlossen schob Karen das Kinn vor. So einfach würde sie es dem Eindringling nicht machen.Vorsichtig nahm sie eine Pfanne vom Haken und stellte sich neben die Türöffnung. Am liebsten hätte sie die Tür zugeschlagen und abgeschlossen, aber der Schlüssel hatte bereits bei ihrem Einzug vor einem Jahr gefehlt, und es war ihr und Paul nie nötig erschienen, das Schloss auswechseln zu lassen. Woher hätte sie auch wissen sollen, dass sie es einmal benötigen würde? Karen hielt den Atem an, als sich die Schritte näherten. Die Pfanne hielt sie mit beiden Händen vor ihren Körper, bereit, sich damit zu verteidigen. Schweiß ließ ihre Hände rutschig werden, die Bluseklebte an ihrem Rücken.
    Die Gestalt eines Mannes schob sich durch die Türöffnung, und Karen schlug die Pfanne mit aller Kraft gegen seinen Kopf. Ein überraschter Schmerzenslaut entfuhr ihm, bevor er rückwärts ins Wohnzimmer stolperte. Mit einem lauten Scheppernfiel die Pfanne zu Boden. Es dauerte einen Moment, bis Karen sich rühren konnte, doch dann schnappte sie sich ihre Tasche und rannte an dem Mann vorbei, der sich stöhnend auf dem Parkett wälzte. Die Hände hatte er über seine Nase gepresst. Blut bedeckte sein Gesicht und seine Kleidung. Der Anblick entsetzte Karen so sehr, dass sie beinahe stehen blieb. Lauf! Du musst raus, bevor er wieder aufsteht!
    Karen stürzte panisch in den Flur, sie konnte an nichts anderes denken, als aus dem Haus zu entkommen. Mit aller Kraft drückte sie die Klinke hinunter, doch die Haustür blieb geschlossen. In ihrer Angst rüttelte sie daran, bis ihr klar wurde, dass sie verriegelt war. Weil ihre Finger so zitterten, brauchte sie mehrereVersuche, bis sie den Riegel überhaupt berührte. Ihr Atem klang laut in ihren Ohren, ihr hämmernder Herzschlag überdeckte alle anderen Geräusche.
    Gerade als der Riegel mit einem Klacken zurückglitt, grub sich eine Hand in ihre Haare und riss brutal daran. Tränen schossen in Karens Augen, doch sie kämpfte weiterhin verzweifelt darum, die Tür zu öffnen. Hände griffen nach ihren Armen und zogen sie unaufhaltsam von der Tür weg.
    »Nein!« Karen holte tief Luft, um so laut zu schreien, wie sie konnte, doch in diesem Moment schob sich ein übel riechender Lappen in ihren Mund. Sie würgte und versuchte sich zu befreien, doch der Angreifer war einfach zu stark. Trotzdem gelangen ihr einige Treffer, wie sie an den derben Flüchen hören konnte.
    Ein reißendes Geräusch ertönte, als die Nähte ihrer Bluse unter den groben Händen nachgaben. Verbissen kämpfte sie weiter, obwohl sie durch den Knebel kaum Luft bekam.
    Irgendwie musste sie diesen Verbrechern entkommen! Schwarze Punkte flimmerten vor ihren Augen, ihre Lunge schmerzte, aber sie konnte nicht aufgeben. Es gelang ihr, einen Arm freizubekommen und ihre Finger um die Türklinke zu schließen. Die Rettung war so nah! Doch dann traf ein Schlag ihre Schläfe, und sie sackte in die Knie. Die Welt drehte sich um sie. Übelkeit stieg in ihr auf.
    »Haltet sie endlich fest!«
    Karen hörte die Stimme wie durch eine Watteschicht. Sie wollte sich wehren, aber ihre Arme gehorchten ihr nicht. Ein Stich in ihren Oberarm durchbrach ihre Lethargie, und sie bäumte sich noch einmal auf. Aber es war zu spät, sie brach zusammen, ihre Wange presste sich auf den Holzboden. Ihre Augen schlossen sich gegen ihren Willen, und die Dunkelheit senkte sich über sie.

Kapitel 1

Diamond Bar Ranch, Montana
Der Tag fing schon schlecht an, und von da an ging es steil bergab. Clint Hunter, Captain des Navy-SEAL-Teams 11, stand gerade auf der Ranch seiner Eltern bis zu den Hüften in einem mit Morast gefüllten Loch, in das sich eine der Kühe verirrt hatte, als sich sein Pager meldete. Das fremdartige Geräusch erschreckte die panische Kuh derart, dass sie durch ihr Gezappel noch tiefer in den Schlamm gezogen wurde.
    »Verdammt!« Mit Fingern, die ebenso dreckig waren wie der Rest von ihm, zog Clint das Gerät vorsichtig von seinem Gürtel. Bevor er die Nummer richtig erkennen konnte, rutschte es durch seine schlammigen Finger und fiel in den Matsch.
    Mit einem erneuten Fluch auf den Lippen bückte er sich hastig, um es zu retten. Er zog den Pager aus dem Morast und wischte mit den Fingern über das Display. Die Nummer gehörte zum SEAL-Stützpunkt in Coronado. Clint seufzte. Wer sollte sich auch sonst melden? Im Prinzip hatte er außerhalb der Navy kein Leben. Kaum gönnte er sich seit Jahren das erste Mal mehr als ein paar Tage Erholung, schon wurde er wieder von seinem Arbeitgeber gerufen.
    Er übergab das Seil, mit dem er versucht hatte, die widerspenstige Kuh einzufangen, dem Vorarbeiter der Ranch. »Versuch du dein Glück, Shep. Ich muss zum Telefon. Falls wir uns nicht mehr sehen sollten, Petri Heil!« Rasch entfernte er sich aus der Reichweite von Sheps schlammigen Fingern.
    Es tat ihm gut, nach all den Monaten im Dienst der Elite-Spezialeinheit der Navy mal wieder für einige Zeit zu Hause zu sein und sich mit seiner Familie und den Arbeitern um die Ranch zu kümmern. Man bekam bei der Navy nicht viel von Viehzucht zu sehen, auch wenn die SEALs nicht nur im und am Wasser operierten, sondern auch auf dem Land und in der Luft. Gegründet nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Underwater-Demolition-Teams, die noch weitgehend im Wasser beziehungsweise unter Wasser gearbeitet hatten, waren die SEALs inzwischen auch durchaus in der Wüste, in der Arktis oder bei Fallschirmsprüngen aus Flugzeugen und Helikoptern zu finden.
    Zwar hielten sie sich weiterhin im Training oder bei der Arbeit oft im Wasser auf, doch heutzutage fand ein hoher Prozentsatz der Arbeit eines SEAL an Land statt. Vor allem bei Clints Team 11, das für Terrorismusbekämpfung und Geiselbefreiungen eingesetzt wurde. Bisher war das Jahr allerdings recht ruhig verlaufen, es waren keine größeren terroristischen Vorkommnisse gemeldet worden. Deshalb hatte er geglaubt, sich einen kleinen Urlaub leisten zu können. Offenbar eine Fehleinschätzung.
    Während er auf schnellstem Wege auf seinem Hengst Devil zum Haus ritt, überlegte er, was der Anruf bedeuten mochte. Wahrscheinlich wurde er wieder nach Coronado zurückbeordert, aber ob es sich um einen Ernstfall oder um eine Übung handelte, war nicht zu ersehen. Er hoffte nur, dass er nicht nur zu Trainingszwecken seinen Urlaub abbrechen musste. Seine Mundwinkel zogen sich nach unten. Oder vielleicht war das doch die bessere Alternative. Ein Ernstfall bedeutete immer Gefahr – für die Menschen, zu deren Rettung sie geschickt wurden, und auch für seine Männer. In seinem Team waren nur die Besten, aber während einer Mission konnte immer etwas schiefgehen. Bisher hatte er stets alle zurückgebracht, wenn auch manchmal mit Verletzungen, aber es gab keine Garantie, dass es so bleiben würde.
    Fünf Minuten später war er beim Haus angelangt. Adrenalin breitete sich in seinem Körper aus, als er sein Pferd im Stall an einen Arbeiter weitergab und den Hügel zum Haus hinaufrannte.
    Sein Vater kam ihm in der Tür zum Arbeitszimmer entgegen, und seine sonst so ruhige Miene verzog sich, als er Clints Gesichtsausdruck sah. »Ich lasse dich alleine.« Er schloss leise die Tür hinter sich.
    George Hunter sah seinem Sohn trotz seiner zweiundsechzig Jahre sehr ähnlich. Sein Körper war immer noch schlank und fit, und in seinem schwarzen Haar fanden sich nur wenige graue Strähnen. Selbst die sherryfarbenen Augen hatte Clint von ihm geerbt. Sein Vater war der Einzige in seiner großen Familie, der wusste und verstand, dass Clint ein SEAL war. Kein Wunder, war er doch im Vietnamkrieg in einem Underwater-Demolition-Team gewesen. Kurz danach entstanden dann die ersten SEALTeams. Doch zu dieser Zeit war George bereits aus dem Militärdienst ausgeschieden und hatte sich hier in Montana zusammen mit seiner Frau Angela Land gekauft und die Ranch aufgebaut.
    Clint wählte eilig die Nummer, die sich ihm nach Hunderten von Anrufen ins Gedächtnis eingebrannt hatte.
    In der Einsatzzentrale in Kalifornien nahm Matt Colter, sein ausführender Offizier und früherer Swim-Buddy, schon nach dem ersten Klingeln den Hörer ab.         »Jo.«
    »East hier, was gibt’s?«
    »Das wurde aber auch langsam Zeit. Wo hast du denn gesteckt?«
    Clint schnitt eine Grimasse. »In einem Schlammloch, wenn du es genau wissen willst.«
    Matt lachte. Dann wurde seine Stimme ernst. »Wie schnell kannst du hier sein? Wir haben einen Notfall: eine Entführung. Wir müssen sofort nach Washington, D. C., alles Weitere erfahren wir dann dort. Und es handelt sich nicht um eine Übung.«
    »Verdammt!« Clint strich durch seine kurzen schwarzen Haare. »Es würde zu lange dauern, wenn ich zu euch komme. Ich werde von Salt Lake City einen Flug nach Washington nehmen. Könnt ihr meine Ausrüstung mitnehmen?«
    »Kein Problem. Sollte noch etwas fehlen, können wir es uns auch am Standort Little Creek besorgen.« In Matts Stimme war kein Hauch der sonst üblichen humorvollen Rivalität zwischen den beiden Standorten zu erkennen. Ein weiteres Indiz für die ernste Situation.
    »Warum kann denn deren Team die Sache nicht übernehmen? Virginia ist doch viel näher.«
    »Weil das Geiselteam gerade in Europa unterwegs ist, zu Übungen im Kosovo. Außerdem ist unter den SEALs dort die Grippe ausgebrochen.«
    Nachdenklich rieb Clint über seine Bartstoppeln. »Okay, gib mir ein paar Minuten, ich buche schnell einen Flug. Schick mir alle vorhandenen Informationen zur Situation bitte per Mail.«
    »Wird gemacht, Boss.«
    Clint beendete das Gespräch und wählte gleich darauf die Nummer des Flughafens in Salt Lake City. Innerhalb von wenigen Minuten hatte er einen Flug nach Washington gebucht, der in zwei Stunden abflog, und gab die Flugdaten an Matt weiter. Während er seine Sachen packte, konnte er das Gefühl nicht abschütteln, dass bei diesem Auftrag nicht alles so einfach sein würde.
Zehn Minuten später war er bereits wieder auf dem Weg nach unten, in seinem Seesack befand sich nur das Allernötigste.
    Nach einem kurzen Abstecher ins Arbeitszimmer, wo er den gemailten Situationsbericht ausdruckte, sprang er in den Jeep, mit dem ihn ein Ranch-Arbeiter zum Flughafen in West Yellowstone fahren würde. »Los geht’s!«
Staub aufwirbelnd fuhr der Jeep die lange Ranch-Auffahrt hinunter. Fünf Minuten später stieg Clint auf dem Flugplatz aus dem Auto. Er zog seinen Seesack vom Rücksitz und bedankte sich beim Fahrer, bevor er sein Gepäck schulterte und zu der auf ihn wartenden Cessna lief.
    Der Pilot war schon dabei, die Checkliste durchzugehen, als Clint zu ihm ins Cockpit stieg. »Hallo, Pete. Alles bereit?«
    Pete grinste ihn an. »Aber klar doch. Schnall dich an, dann können wir los.«
Clint tat, wie ihm geheißen, und lehnte sich zurück. Er war schon öfter mit Pete geflogen. Die Ranch war ziemlich abgelegen von den größeren Städten mit Flughafen, und er hatte nicht immer Lust gehabt, sich ein Auto zu mieten. Einige Male war er auch schon selbst die Strecke geflogen, denn er hatte einen Pilotenschein. Genau genommen hatte er in seiner militärischen Laufbahn schon so gut wie alles geflogen. Doch diesmal musste er so schnell wie möglich nach Salt Lake City kommen, um seinen Flug nach Washington zu erwischen. Daher war es günstiger für ihn, ein Flugzeug mit Piloten zu mieten. Er blickte auf die Uhr. In einer Stunde und vierzig Minuten startete die Linienmaschine nach Washington. Das würde knapp werden.
    »Pete, drück auf die Tube.«
    »Okay.«
    Auch bei Höchstgeschwindigkeit würde er nicht mehr als zehn Minuten vor Abflug ankommen. Wenn der Wind mitspielte. Clint schüttelte den Kopf. Es brachte nichts, jetzt darüber nachzugrübeln. Er sollte sich lieber schon einmal mit dem Auftrag bekannt machen. Er streckte seine langen Beine aus und vertiefte sich in die Papiere. Natürlich wurden aus Gründen der Geheimhaltung keine Namen und sensiblen Daten genannt, aber eine grundlegende Zusammenfassung der Ereignisse war beigefügt. Während Clint las, strich er sich über sein von Bartstoppeln raues Kinn.
    Anscheinend war am Morgen eine für die Regierung an einem geheimen Waffenprojekt arbeitende Wissenschaftlerin nicht bei der Arbeit erschienen. Eine Kollegin hatte sich Sorgen gemacht und versucht, sie telefonisch zu erreichen. Als sich niemand bei ihr zu Hause meldete und sie nach Stunden immer noch nichtaufgetaucht war, wurde der Regierungsapparat tätig und ein bewaffnetes Team zu dem Haus geschickt, das sie zusammen mit ihrem Ehemann bewohnte.
    Das Haus war leer gewesen, aber man hatte Spuren eines Kampfes entdeckt. Möbel waren umgestürzt, einzelne Blutspritzer auf Boden und Wänden verteilt. Sofort war ein Team zur Spurensicherung angerückt. Man hatte auch ihren Mann ausfindig gemacht, der völlig schockiert gewesen war und nur berichten konnte, seine Frau hätte sich morgens ganz normal für die Arbeit fertig gemacht. Er war dann zu seiner Arbeitsstelle, einer Buchhaltungsfirma, gefahren. Seitdem hatte er nichts mehr von ihr gehört. Die Nachbarn waren befragt worden, ebenso wie Arbeitskollegen, Freunde, Bekannte und Familienangehörige.
    Gegen Mittag war dann eine Lösegeldforderung eingegangen. Darin hieß es, die Wissenschaftlerin würde für ein Lösegeld in Höhe von fünf Millionen Dollar freigelassen werden. Clints Mund verzog sich. Anscheinend wussten die Entführer, wen sie da in ihrer Hand hatten. Andererseits war ihnen wohl entgangen, dass die amerikanische Regierung nicht mit Terroristen und Geiselnehmern verhandelte. Die Frau hatte nur Glück, für die Regierung von einigem Wert zu sein, sonst wäre sie jetzt auf sich allein gestellt.
    Einem bestimmten Umstand, zu dem in den Unterlagen jedoch nichts Näheres stand, war es zu verdanken, dass der derzeitige Aufenthaltsort des Entführungsopfers ermittelt werden konnte und somit jetzt ein Rettungsteam bestehend aus SEALs angefordert wurde. Clint lehnte sich zurück und schloss die Augen. Hoffentlich standen bei der Besprechung in Washington schon mehr Informationen zur Verfügung. Geiseln hatten es nie leicht, aber Frauen waren dabei besonders bedroht. Nicht selten benutzten die Entführer sexuelle Gewalt, um die Geiseln zu unterdrücken und gefügig zu machen, manchmal allerdings auch nur zum Spaß. Wenn die Frau Glück hatte, legten die Täter mehr Wert auf das Geld als auf die Befriedigung ihrer Bedürfnisse. Clint zog sich der Magen zusammen. Er sah in seinem Beruf viel Gewalt und übte sie auch selbst aus, aber an Gewalt gegenüber Frauen würde er sich nie gewöhnen können.
    Er blickte auf die Uhr. Sein Team würde nicht vor dem Abend in Washington ankommen, dann folgten Lagebesprechungen und vielleicht, wenn bis dahin der genaue Aufenthaltsort der Geisel bekannt war, würden sie bereits diese Nacht einen Rettungseinsatz durchführen können. Wenn die Geisel wichtig genug für die Regierung war, um sein Team aus Coronado einfliegen zu lassen, dann bestand vielleicht die Hoffnung, dass auch die Entführer den Wert ihrer Geisel kannten und sie wenigstens für einige Tage am Leben und unversehrt ließen. Andererseits versuchten sie aber vielleicht auch, geheime Informationen durch Folter aus ihr herauszubekommen. Clint schluckte und schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, hatte sich sein Gesichtsausdruck verhärtet, und ein gefährliches Glitzern lag in seinen sherryfarbenen Augen.
    Pete sah ihn kurz an. »Wir werden in zwanzig Minuten landen. Reicht doch noch für deinen Anschlussflug, oder?«
    Clint blickte auf seine Uhr mit den unzähligen Anzeigen. Ein grimmiges Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. »Perfekt. Ich hatte wirklich Glück, dass du noch mit deiner Cessna da warst.«
    Pete grinste. »Ja, weißt du, da ist dieser süße Käfer, der die Funküberwachung übernommen hat …«
    Clint lachte. Pete war ein echter Schwerenöter, und die Frauen schienen ihn zu lieben, obwohl er nur noch einen kleinen Kranz brauner Haare hatte, übergewichtig und nicht über 1,70 Meter groß war. Es musste an seinen großen braunen Augen
liegen oder einfach daran, dass er ein wirklich netter Kerl war.
    Kurz darauf landeten sie auf dem Flughafen von Salt Lake City, und Clint bereitete sich auf den Sprint zu seinem Flugsteig vor. Er betrat die Maschine fünf Minuten vor dem Abflug, streckte die Beine aus, soweit es die engen Sitzreihen zuließen, schloss die Augen und war Sekunden später eingeschlafen. Es sollte sein letzter erholsamer Schlaf für die nächsten Tage werden.

Hier kann man sich die Leseprobe auch als pdf-Datei herunterladen. Wer jetzt wissen möchte, wie es mit Clint und Karen weitergeht, kann dies ab Juli 2011 in 'Riskante Nähe' erfahren.
Design downloaded from Free Templates - your source for free web templates