Leseprobe                                            PDF Kap. 4

Prolog

San Francisco
Ungeduldig drückte Jocelyn auf den Knopf, während sie auf die Anzeige blickte, die über der Fahrstuhltür angebracht war. Das verdammte Ding war erst im zehnten Stock und ließ sie hier oben warten. Wie kam es, dass nie ein Fahrstuhl da war, wenn sie es eilig hatte? Sie drückte noch einmal, zweimal, obwohl sie wusste, dass er dadurch nicht schneller kommen würde. In genau zwanzig Minuten würde ihr Training anfangen, und sie war noch drei Häuserblocks von der Bushaltestelle entfernt, wenn sie endlich unten im Foyer ankam. Das Fitnessstudio lag nahe bei der University of California, damit sie nach den Vorlesungen je nach Lust und Laune trainieren konnte, aber sie musste durch die halbe Stadt fahren, wenn sie von ihrem Job als Aushilfssekretärin dorthin wollte. Jetzt im Sommer ging sie nur noch zum Aerobic-Training und joggte lieber im Golden Gate Park, der praktischerweise fast an das Universitätsgelände grenzte.
    Jocelyn rückte den Riemen ihrer Tasche zurecht, als ein dezenter Klingelton die Ankunft des Fahrstuhls im fünfzehnten Stock ankündigte. In der steifen und kalten Atmosphäre des Hochhauses im Finanzdistrikt fühlte sie sich immer etwas unwohl.
Sie hatte den Eindruck, jeder würde es ihr sofort ansehen, dass sie nicht hierhergehörte, obwohl sie sich sogar zwang, Geschäftskleidung zu tragen. Nun ja, fast zumindest. Viel konnte sie sich von ihrem mageren Gehalt nicht leisten, vor allem, da sie ihr Medizinstudium selbst finanzieren musste. Sie schnitt eine Grimasse und trat in den leeren Fahrstuhl. Immerhin war er geräumig genug, dass sie nicht das Gefühl hatte, in einem Sarg eingesperrt zu sein. Ein Schauder lief über ihren Rücken. Rasch drückte sie auf den Knopf, neben dem Ausgang stand, und tappte ungeduldig mit dem Fuß auf den Teppichboden, während sich der Fahrstuhl gemächlich in Bewegung setzte. Er bremste im nächsten Stockwerk sanft ab und die Tür öffnete sich. Verdammt! Sie hätte doch das Treppenhaus nehmen sollen, auch wenn sie dafür quer durch das halbe Stockwerk hätte laufen müssen.
    Resigniert trat sie zur Seite und zwang sich zu einem Lächeln, als ein elegant gekleidetes Paar eintrat. Der Mann sah aus, als hätte er eine gut bezahlte Position in einer der hier ansässigen Firmen, angefangen von den Spitzen seiner sicher sündhaft teuren Schuhe bis zu dem ordentlichen Haarschnitt, der die grauen Schläfen hervorhob. Selbst seine Fingernägel waren manikürt, wie sie sah, als er auf den Knopf zur Tiefgarage drückte. Die Frau war garantiert Anwältin. Jocelyn unterdrückte ein Lachen, als ihr der Gedanke durch den Kopf schoss. Warum sie sich so sicher war, konnte sie nicht sagen, es war wohl die Tatsache, dass ihr Kostüm ihre schlanke Figur vorteilhaft betonte, aber sie trotzdem äußerst dezent wirkte mit der aufwändigen Hochsteckfrisur und der ledernen Aktentasche. Als die Frau ihr zulächelte, blickte Jocelyn schnell zur Seite. Es war ihr unangenehm, beim Starren erwischt zu werden. Und ja, sie kam sich in ihrer Capri-Hose, der schlichten Bluse, den Leinenschuhen und mit ihren zu einem Zopf zusammengebundenen rotblonden Haaren irgendwie minderwertig vor. Ganz zu schweigen davon, dass sie mit ihren dreißig Jahren noch Studentin war, kein Auto besaß und sich ihr Geld als Sekretärin verdienen musste.
    Jocelyn biss auf ihre Lippe und schüttelte das Selbstmitleid ab. Sie machte genau das, was sie sich immer gewünscht hatte, und würde sich deshalb nicht schlecht fühlen. Es tat ihr nicht leid, dass sie Kevin durch die Highschool und das anschließende Architekturstudium gebracht hatte. Ihren Bruder so glücklich zu sehen, war jeden Cent wert gewesen. Langsam entspannte sie sich und gewann ihre Selbstsicherheit zurück, die sie sich in ihrer Jugend nach dem frühen Tod ihrer Eltern und den lieblosen Pflegeeltern hart erarbeitet hatte. Als zwei Stockwerke tiefer erneut der Fahrstuhl stoppte und der Klingelton ertönte, sah Jocelyn seufzend auf die Uhr. Auf keinen Fall würde sie noch pünktlich zum Training kommen.
    Die Tür ging auf und ein kräftig gebauter Mann kam herein, der einen Trenchcoat trug. Jocelyn trat genau wie die beiden Anwälte ein Stück zurück, um ihm Platz zu machen, wofür er sich mit einem höflichen Nicken bedankte. Wie konnte er bei der Hitze einen langen Mantel ertragen? Selbst nur mit Bluse bekleidet schwitzte sie, sobald sie aus dem klimatisierten Gebäude herauskam. Gut, er sah südländisch aus, vielleicht war er deutlich wärmeres Wetter gewöhnt. Im Geiste zuckte Jocelyn mit den Schultern. Es ging sie nichts an, und sie sollte stattdessen lieber über ganz andere Dinge nachdenken.
    Ihr Blick glitt zu der Anwältin, die ihrerseits mit einem seltsamen Gesichtsausdruck den Mantelmann beobachtete. Auch ihr Begleiter schien sich nicht wohl zu fühlen, er zupfte an seiner Krawatte. Fantastisch, jetzt hatten sie es geschafft, sie nervös zu machen. Dabei stand der Mann einfach nur da, den Blick auf die Tür gerichtet. Seine schwarzen Haare lockten sich leicht über den Kragen des Trenchcoats, die Hände hatte er in den Taschen vergraben. Es gab keinen Grund, warum sie sich seinetwegen unwohl fühlen sollte. Doch sie tat es. Unruhig strich sie über die Gänsehaut auf ihren Armen. Wussten ihre beiden Mitfahrer etwas über den Mann? Vielleicht war er ihnen in irgendeinem Prozess begegnet und … Jocelyn erstarrte, als er sich ruckartig zu ihr umdrehte.
    »Schönes Wetter heute, oder?« Er grinste sie an und entblößte dabei nikotingelbe Zahnreihen.
    Sie nickte und sah nach oben, wo unendlich langsam die Stockwerke aufleuchteten, an denen sie vorbeifuhren. Das war sicher die längste Fahrstuhlfahrt ihres Lebens. Ihr Kopf ruckte herum, als sie ein leises Ploppen und einen entsetzten Aufschrei hörte. Die Anwältin starrte auf ihren Begleiter, der für einen Moment bewegungslos dastand, bevor er in Richtung der Fahrstuhlwand taumelte und daran nach unten rutschte. Seine Augen waren geweitet, sein Gesicht verzerrt. Ein roter Fleck breitete sich auf dem Hemd des Mannes aus.
    Was war geschehen? Die Stille im Fahrstuhl wurde vom Aufschluchzen der Frau unterbrochen, die sich neben ihn kniete und mit einer zitternden Hand über sein Gesicht strich. Verspätet breitete sich Furcht in Jocelyn aus. Die ganze Situation war so jenseits ihrer bisherigen Erfahrungen, dass sie Mühe hatte, zu verstehen, was passiert war. Und sie hatte auch keine Ahnung, was sie jetzt tun sollte. Sie erinnerte sich an das Handy in ihrer Tasche und begann, danach zu suchen, damit sie Hilfe rufen konnte.
    »Hände da raus!« Die unangenehm raue Stimme des Trenchcoat-Typen durchdrang die angespannte Stille.
    Es dauerte einen Moment, bis Jocelyn verstand, dass er sie meinte. Zögernd ließ sie ihre Tasche sinken, als sie die Pistole in seiner Hand bemerkte. Oh Gott, er hatte auf den Mann geschossen! Erst jetzt ergab der Blutfleck auf dem Hemd einen Sinn. Ein länglicher Zylinder war vor dem Pistolenlauf angebracht. Bisher hatte sie Schalldämpfer nur in Filmen gesehen, sie hätte nie geglaubt, dass jemals so etwas in der Realität auf sie gerichtet sein könnte. Die Angst wurde stärker, ihre Beine begannen zu zittern, ihr Mund war plötzlich wie ausgetrocknet. Fast wünschte sie, sie hätte genauer aufgepasst, wie die Polizisten in den Filmen ihre Gegner zum Aufgeben brachten, doch ihr Gehirn war völlig leer, wie erstarrt. Ihr Blick ging automatisch zur Stockwerkanzeige, vielleicht wenn sie einfach nur bis zum Erdgeschoss …
    »Sie haben ihn umgebracht!« Die Stimme der Anwältin überschlug sich, sie klang schrill in der Enge des Fahrstuhls.
    »Danke für die Auskunft, dann brauche ich nicht selber nachzusehen.« Die ruhige, fast gelassene Antwort des Mörders rieb über Jocelyns angespannte Nerven.
    »Sie …«
    Am liebsten hätte Jocelyn der Anwältin gesagt, sie solle den Mann nicht provozieren, solange sie noch im Fahrstuhl waren, doch es war bereits zu spät. Im einen Moment stand sie da, Tränen im verzerrten Gesicht, im nächsten fiel die Frau nach hinten, während Jocelyn etwas Feuchtes entgegensprühte. Sie wollte schreien, doch ihre Stimmbänder waren wie gelähmt, sie brachte keinen Ton heraus. Mit einem deutlich hörbaren Knacken schlug der Kopf der Anwältin gegen die Fahrstuhlwand, bevor sie zu Boden sank. Entsetzt sah Jocelyn auf das Blut, das Gesicht und Kleidung der Anwältin bedeckte und langsam unter ihrem Kopf in den Teppich sickerte. Oh Gott, oh Gott! Sie wollte hier weg, nur weg. Ihren Rücken gegen die Wand gepresst, hob Jocelyn abwehrend die Hände. Erst jetzt entdeckte sie, dass auch ihre Arme und ihre Kleidung voller Blut waren. Übelkeit stieg in ihr auf, und sie würgte trocken.
    »Ich hätte nicht gedacht, dass das so viel Dreck macht.« Der Mörder sah leidenschaftslos auf die beiden verrenkten Körper herunter. »Aber ich muss ja hinterher nicht sauber machen.«
    In diesem Moment erkannte sie, dass sie allein war. Mit zwei Leichen und einem Mann, dem es offensichtlich nichts ausmachte, Menschen umzubringen. Irgendwie musste es ihr gelingen, hier lebend herauszukommen, doch wie sollte sie das tun? Er stand direkt vor der Tür und hielt die Waffe auf sie gerichtet. In dem kleinen Fahrstuhl war es so gut wie unmöglich danebenzuschießen. Sie konnte nur versuchen, ihn so lange abzulenken oder reden zu lassen, bis sie im Erdgeschoss angekommen waren. Oder jemand zusteigen wollte. Der Lift war zwar langsam, aber es sollte nicht länger als dreißig Sekunden dauern, die restlichen zwei Stockwerke hinter sich zu bringen.
    Jocelyn fuhr mit der Zunge über ihre trockenen Lippen und schmeckte Blut. Die Übelkeit verstärkte sich. »Warum haben Sie das getan?« Sowie die Frage heraus war, kam sie ihr lächerlich vor. So etwas mochte in drittklassigen Krimis funktionieren, aber in der Realität ließ sich ein Täter dadurch sicher nicht zu einer langen Erklärung inklusive Beichte hinreißen.
    »Warum nicht?« Damit schien das Thema für ihn erledigt zu sein. Der Mann sah sie von oben bis unten an und schüttelte dann den Kopf. »Es ist wirklich eine Schande, aber ich fürchte, du musst auch sterben. Du hast zu viel gesehen.«
    Seine Hand mit der Pistole hob sich, bis sie direkt in das Mündungsloch des Schalldämpfers blicken konnte. Es schien immer größer zu werden, je länger sie hineinblickte. Mühsam versuchte sie, sich zusammenzureißen und ihre erstarrten Muskeln dazu zu bringen, sich zu bewegen. Sie konnte hier nicht sterben, sie hatte
das ganze Leben noch vor sich und sie war nicht bereit, darauf zu verzichten. Sie würde kämpfen, und wenn es das Letzte war, was sie tat. Bevor sie lange darüber nachdenken konnte, was sie tat, trat sie dem Mann mit aller Kraft in die Weichteile, wie sie es im Selbstverteidigungskurs gelernt hatte. Überrascht von ihrem Angriff stolperte der Mörder nach hinten gegen die Tür, ein Schuss löste sich.
    Jocelyn wartete nicht darauf, festzustellen, ob sie getroffen war, sondern trat noch einmal zu, diesmal gegen das Knie. Mit einem Fluch stürzte der Mann zu Boden und schlug dabei mit dem Kopf gegen die Wand. Jocelyn versuchte, ihm die Waffe aus der Hand zu stoßen, doch eines seiner Beine schoss hervor und trat gegen ihre Knöchel, sodass sie das Gleichgewicht verlor. Sie stöhnte auf, als ihre Hüfte und ihr Ellbogen hart auf den Boden prallten. Ihr Gesicht landete auf dem leblosen Körper der Anwältin. Entsetzt krabbelte Jocelyn rückwärts, bis sie an die Wand stieß. Ein weiteres Ploppen ertönte und etwas schlug dicht neben ihrem Kopf ein, Schmerz schoss durch ihre Wange. Verspätet duckte Jocelyn sich, auch wenn sie wusste, dass ihr das nichts bringen würde.
    Ihr Atem kam stoßweise, jeder Muskel in ihrem Körper schmerzte vor Anspannung.
    »Jetzt habe ich dich, du Miststück.« Die Stimme des Mannes klang gepresst, eine Hand lag auf dem Reißverschluss seiner Jeans, als könnte er so die Schmerzen mildern.
    Der dezente Klingelton kündigte die Ankunft im Erdgeschoss an. Die Augen des Mörders verengten sich, sein Zeigefinger krümmte sich wie in Zeitlupe um den Abzug. Nicht bereit, so kurz vor der Rettung noch zu sterben, warf Jocelyn sich zur
Seite, während sie gleichzeitig ihre Füße in den Oberkörper des Mannes rammte. Er schrie auf und versuchte, ihre Beine zu packen. Mit letzter Kraft robbte sie sich durch die sich öffnenden Fahrstuhltüren vorwärts und landete auf dem kühlen Steinboden des Foyers. Entsetzte Schreie ertönten, als sie blutverschmiert vor die Füße der Leute rollte, die auf den Fahrstuhl warteten. Jocelyn hob den Kopf und sah zu dem Mörder zurück, der die Pistole verloren hatte. Einige Beherzte rangen ihn nieder. Erst als sie erkannte, dass sie in Sicherheit war, schloss sie die Augen und sank in die wartende Dunkelheit.

[Weiter geht es ab dem 8. November in 'Trügerisches Spiel'!]