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Prolog
Kalifornien,
September 2000
Langsam schlug
Leigh die Augen auf.
Nebel waberte vor ihren Augen, strich über ihre feuchte Haut. Er
ringelte sich
um ihre Hände, ihre Beine, ihren Oberkörper, schien sie gleichzeitig zu
liebkosen und festzuhalten. Sie fühlte sich schwerelos, wie schwebend.
Nur
langsam drang die Umgebung durch den Schock, verdrängte ein wenig das
wattige
Gefühl in ihrem Kopf. Warum war sie hier eingesperrt? Verwirrt wollte
sie den
Kopf schütteln, doch er schien sich nur in Zeitlupe zu bewegen. Was
ging hier
vor? Sie fühlte sich seltsam von allem losgelöst, als säße jemand
anders hier.
Müde. Sie war so müde. Wahrscheinlich hatte sie nur einen merkwürdigen
Traum.
Gerade wollte sie beruhigt ihre Augen schließen, als sie aus den
Augenwinkeln
einen Farbtupfer aufblitzen sah. Ohne große Neugier drehte sie den Kopf
zur
Seite, langsam, unendlich langsam, bis sie schließlich erkennen konnte,
was
ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. Boyd! Der Adrenalinstoß lichtete den
Nebel
weit genug, um zu erkennen, dass ihr Freund neben ihr saß. Sein Gesicht
war
abgewandt, die Hände lagen in seinem Schoß. Eine Blutspur zog sich von
der
Stirn über seine Wange und färbte die Schulter seines Hemdes rot.
Wahrscheinlich war er gegen das Lenkrad geprallt und hatte sich dort
verletzt.
"Boyd?" Ihre
Stimme war
selbst für sie kaum zu verstehen. Schwach und rau kam sein Name über
ihre
Lippen, ging im Rauschen ihrer Ohren unter. Leigh streckte die Hand aus
und
berührte vorsichtig seinen Arm. Er rührte sich nicht. Noch einmal
versuchte
Leigh es, diesmal etwas energischer. Seine Hand rutschte von seinem
Bein
zwischen die Sitze – die einzige Reaktion. Sorge um Boyd ließ den Nebel
um
Leigh weiter zurückweichen. Sie erkannte nun deutlicher, wo sie waren,
und
begann sich an das Geschehene zu erinnern. Ein Laut, halb Keuchen, halb
Stöhnen, drang aus ihrem Mund. Sie mussten hier weg! Leigh versuchte,
sich zu
bewegen, sank aber mit einem Schmerzenslaut wieder zurück. Ihr Rücken
brannte
wie Feuer. Zumindest bis zu dem Punkt, wo sie überhaupt nichts mehr
fühlte. O
Gott, nein! Mühsam schob sie ihre Angst beiseite und wandte sich wieder
Boyd
zu. Sie musste ihn irgendwie wach bekommen.
Der Schmerz
trieb ihr den Schweiß auf
die Stirn, als sie sich langsam zu Boyd umwandte, ihren Arm ausstreckte
und mit
den Fingerspitzen seinen Kopf berührte. Er kippte zurück, seine Augen
starrten
blicklos in ihre.
"Wir müssen
hier raus! Kannst du ..." Leigh brach ab, als sie erkannte, dass Boyd
sie nicht hören konnte. Nie wieder. Unwillkürlich versuchte sie, von
ihm wegzukommen, aber sie konnte sich nicht bewegen. Wie erstarrt saß
sie unter seinem leblosen Blick, das Rauschen in ihren Ohren wurde
stärker, ihr Herz hämmerte in ihrer Brust. Ihr Blick trübte sich, dann
wurde sie erneut in den Nebel hineingezogen. Sie hörte weder die Rufe
der Helfer noch das Kreischen von Metall, als sie aus dem Wrack
herausgeschnitten wurde.
[Teil 2 der Leseprobe]
Kapitel 1
Washington, D.C.,
April 2004
Leigh blickte erstaunt auf.
Stirnrunzelnd musterte sie den Mann, der vor dem Verkaufstresen stand
und auf
ihre Antwort wartete. Er hatte sie überrascht, bisher war noch keiner
der Kunden
von Books & More darauf gekommen,
sie einzuladen. Und schon gar nicht mit diesen Worten.
„Nein.“
Ihr Gegenüber
atmete enttäuscht aus,
während er das Buch entgegen nahm, das sie ihm reichte. Jedenfalls
bildete sie
sich ein, Bedauern in seinem Blick zu sehen, vielleicht war es auch
Erleichterung darüber, nicht mit jemandem wie ihr ausgehen zu müssen.
Andererseits hätte er sie dann wohl kaum eingeladen, oder?
„Warum nicht?“
Leighs
Augenbrauen hoben sich. Anstatt
den Laden zu verlassen, war der Mann vor ihr stehen geblieben und sah
sie
direkt an. Warum konnte er es nicht einfach dabei belassen? Ihr Blick
zuckte zu
ihren Beinen, die bewegungslos im Rollstuhl standen, dann zurück zu
ihm. „Ich
denke, das ist offensichtlich.“
Stirnrunzelnd
blickte er sie an. Es
dauerte einige Sekunden bis er seinen Fauxpas erkannte. Röte kroch
seinen Hals
hinauf. „Ich möchte es noch einmal anders formulieren ...“
„Lassen Sie es,
Sie würden nur Ihre
Zeit vergeuden. Gehen Sie bitte, damit ich den nächsten Kunden bedienen
kann.“
Gehorsam trat er
zur Seite. Erleichtert
atmete Leigh auf, während sie die Bücher des nächsten Kunden
entgegennahm.
Absichtlich hielt sie den Blick gesenkt, um nicht das mitleidige
Lächeln der
Umstehenden sehen zu müssen. Ärger darüber, dass der Fremde ihren Tag
durcheinander gebracht hatte,
mischte sich mit Bedauern. Sie vermisste die
Gesellschaft eines Mannes. Sie reichte der Kundin das Wechselgeld und
die
büchergefüllte Tüte. Ein dezentes Räuspern ließ sie aus ihren Gedanken
auffahren. Erneut blickte Leigh ruckartig auf, und dabei löste sich
eine
Haarsträhne aus dem Knoten, den sie im Nacken trug. Warum konnte der
Typ nicht
endlich verschwinden? „Sie sind ja immer noch hier.“
„Ich möchte Sie
gerne zum Essen
einladen.“
Leigh blickte auf
ihre Hände, dann schüttelte
sie den Kopf. „Sie können es formulieren, wie Sie wollen, meine Antwort
bleibt
nein.“ Ihre Finger zupften unruhig an ihrem Ärmel. „Gehen Sie. Bitte.“
Er wirkte, als
wolle er widersprechen,
doch dann lächelte er nur. „Es wäre sicher ein netter Abend geworden.
Ich
hoffe, ich habe Sie nicht beleidigt.“
Sie spürte, wie
sie rot wurde. „Nein,
natürlich nicht. Vielen Dank für die Einladung. Und viel Spaß mit dem
Buch.“
Leigh folgte ihm mit den Augen, bis er den Laden verlassen hatte und im Gewühl rund um den Dupont Circle verschwand. Bisher hatte noch kein Kunde versucht, mit ihr ein persönliches Gespräch anzufangen. Zum Teil lag es sicher an dem nicht zu übersehenden Rollstuhl, vermutlich aber auch an ihrer stets zurückhaltenden, geschäftsmäßigen Art. Selbst von den anderen Beschäftigten bei Books & More, einem Buchladen mit angeschlossenem Café, hatte sie sich weitgehend ferngehalten. Mehr als ein paar freundliche, unpersönliche Worte hatten sich noch nicht ergeben, obwohl sie bereits seit einigen Monaten hier arbeitete. Sicher lag das zum Großteil an ihr. Sie hatte sich so daran gewöhnt, sich von allen zurückzuziehen, dass sie nicht mehr wusste, wie man ein normales Gespräch führte. Früher hatte sie fast mehr Verabredungen und Verehrer gehabt, als ihr lieb gewesen war, doch seit sie im Rollstuhl saß, hatten sich die meisten Männer von ihr ferngehalten – und sie sich von ihnen. Wenn jemand an ihr Interesse zeigte, dann meist aus Mitleid, oder es war von ihren Geschwistern inszeniert. Sie meinten es gut, aber es tat weh, als Wohltätigkeitsfall angesehen zu werden.
Auch deshalb war sie nach Washington, D.C., gekommen: Sie hatte es
einfach nicht mehr in der Nähe ihrer Familie ausgehalten. Obwohl Nähe
natürlich relativ war. In San Francisco selbst lebte nur noch ihr
Bruder Jay, seitdem ihre Zwillingsschwester Shannon zu ihrem Freund
Matt nach San Diego gezogen war. Davor hatten sie gemeinsam in einer
Wohnung gelebt, die nach Shannons Auszug zu still für sie geworden war.
Es half auch nicht, dass Jay seine Kollegen von der Polizei
vorbeischickte, die sie zum Essen einluden. Oder es zumindest
versuchten. Noch schlimmer war es allerdings gewesen, wenn Shannon sie
zusammen mit Matt besuchte. Sie gönnte ihrer Schwester das Glück von
Herzen, aber es war sehr schwer, es mit anzusehen, wenn sie selbst
niemanden hatte, der ihre Hand hielt, sie küsste oder nachts im Bett
neben ihr lag und sie eng umschlungen hielt. Tränen traten ihr in die
Augen. Mehr als einmal war sie in den letzten Jahren mit einem hohlen
Gefühl in der Brust aufgewacht. Die Erinnerung daran, wie es gewesen
war, sich einem Menschen nahe zu fühlen, war inzwischen nur noch ein
verschwommenes Gefühl, fast vergessen. Leighs Hände krampften sich um
die Lehnen des Rollstuhls. Sie hasste es, in diesem Ding gefangen zu
sein, und ihr Leben nur noch in diesem engen Rahmen führen zu können.